Greenstorm Radgeber: E-Bike-Tuning: Gefährlicher Trend mit Risiken

E-Bike-Tuning: Gefährlicher Trend mit Risiken

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Die Gründe, aus denen Menschen sich dazu entscheiden, das E-Bike mit verschiedenen Gerätschaften schneller zu machen, sind einfach: bei 25 km/h ist Schluss mit der Tretunterstützung, das ist einem zu langsam, EUR 1-2.000,- zusätzlich für ein S-Pedelec und sämtliche Versicherungen und Zulassungen will man nicht unbedingt ausgeben.

So eine kleine Box an die Sensoren zu hängen, klingt da schon verlockender. Wir zeigen auf, was diese scheinbar einfache Lösung für Nachteilemit sich bringt, aber auch, was für Möglichkeiten dieser Markt heute bereits bietet. In gemäßigtem Umgang und vor allem jenseits des Geltungsbereichs der StVO steht schließlich jede Art des Umgangs mit dem Pedelec auf eigene Gefahr frei.

Pedelec-Tuning: vom Pedelec zum E-Bike

Ein Pedelec unterscheidet sich vom E-Bike im engeren Sinne dadurch, dass bei ersterem die Motorenunterstützung nur gegeben ist, wenn getreten wird. Zweiteres gibt auch Stoff, wenn man nicht tritt. Diese Art der Geschwindigkeitsbegrenzung kann man durch entsprechende Geräte abstellen und kann dann auch ohne Treten fahren.

Nachteil des Ganzen: Pedelecs sind nicht dazu gemacht, die Geschwindigkeit auf irgendeine andere Art und Weise zu kontrollieren, als durchs Treten. Einen Schalthebel oder ähnliches gibt es nicht. Manipuliert man dann das Bike so, dass es von alleine Gas gibt, kann es mit der Kontrolle desselbigen unter Umständen schwierig werden.

Technische Möglichkeiten, um die Geschwindigkeit zu erhöhen

Software-Tuning

Software-Tuning ist immer ein bisschen ein Wettlauf gegen die Hersteller der Motoren. Daher gibt es auch bei weitem nicht für alle Modelle eine Lösung, eher im Gegenteil: die Anzahl der Motoren, die sich mit Software-Tuning austricksen lassen, ist nicht gerade hoch. Dafür ist es eine überaus elegante Lösung. Man steckt beispielsweise ein kleines Gerät an den Antrieb an und nimmt die gewünschten Einstellungen vor.

Boxen zum Anstecken

Tuning-Boxen sehen aus wie kleine, schwarze Schächtelchen und werden an die Sensoren des E-Bikes und dessen Drosselung angeschlossen. Sie halbieren die übermittelte Geschwindigkeit, sodass die vom Antrieb geleistete Energie vom System nicht so schnell wahrgenommen wird und demnach mehr zugelassen wird. 25 km/h wirken sozusagen wie 50 km/h und die Drosselung setzt erst dort ein.

Vorteil dieser Tuning-Möglichkeit ist, dass sie äußerst variabel ist. Möchte man sich zur Abwechslung doch wieder in den Straßenverkehr wagen, kann man die Box abnehmen und befindet sich sofort wieder im zulässigen Bereich für die Straße.

Module zum Einbauen in den Motor

Hierbei wird ein Tuning-Element direkt in den Motor eingebaut. Dass diese dann nicht mehr so leicht von dort zu entfernen sind, wie eine aufgesteckte Box, versteht sich von selbst. Unter ihnen hat man die Wahl zwischen verschieden komplexen Modellen. Manche heben lediglich die Drosselung auf und tricksen das System aus, sodass auch auf dem Display nur die halbierte Geschwindigkeit angezeigt wird.

Andere sind etwas aufwändiger konzipiert. Sie zeigen die tatsächliche Geschwindigkeit an, während das System aber glaubt, nur halb so viel Leistung zu bringen. Die High-End-Produkte liefern dagegen den Service, das Ganze über Computer oder App zu steuern, Drosselung und Motorsupport zu konfigurieren, oder eigene Tastenbefehle einstellen zu lassen.

Dongles

Dongles sind wahrscheinlich die beliebteste bzw. bekannteste Varianteunter den Werkzeugen, um E-Bikes zu tunen. Auch hier wird die Geschwindigkeitsdrossel ausgetrickst. Das passiert mit einem Kabelsatz, der statt des Geschwindigkeitssensors eingebaut wird. Dort hängt ein Hardwarestecker dran, eben der sogenannte Dongle. Er kann nach Belieben an- oder abgesteckt werden. Wie belangbar man dann ist, wenn man im öffentlichen Straßenverkehr mit dieser umgebauten aber nicht aktivierten Technik fährt, bleibt fraglich.

Bosch, Yamaha, Shimano und Co.: nicht alle sind „tune-bar“

Bevor man sein elektrisches Fahrrad schneller machen kann, muss man erstmal abklären, ob es überhaupt im Bereich des Möglichen liegt, bzw. was dafür nötig ist. Die Hersteller scheinen nämlich nicht sehr erpicht darauf zu sein, dass man ihre Produkte „aufmotzen“ kann und wehren sich dagegen. Die folgende Liste (Stand 2018) beinhaltet die Motorenmodelle, bei denen es aktuell (noch) möglich ist, geschwindigkeitserhöhende Maßnahmen zu setzen.

  • Bosch Classic oder Classic+ Line (2011 bis 2014)
  • Bosch Active oder Performance Line (ab 2014)
  • Bosch Performance CX Line (ab 2015)
  • Bosch Active Line Plus (ab 2017)
  • Yamaha PW Powerdrive Unit
  • Yamaha PW-X, PW-SE
  • Yamaha Syncdrive PRO, SPORT, CHARGE oder EVO Display
  • Yamaha Syncdrive C Mittelmotor (ab 2014)
  • Panasonic 36V Mittelmotor
  • Impulse 1, 2 & EVO & EVO RS Mittelmotor
  • Shimano STEPS E600x und E8000 Mittelmotoren
  • Brose Mittelmotor
  • Brose Specialized Turbo Levo und Turbo Vado
  • BionX Antriebe (ab Juni 2009)
  • BionX RC3 Antriebe (ab 2016)
  • Heinzmann und ELFEi V3 Motoren
  • Conti E Bike Systems (CeBS)
  • Bafang Max Drive
  • Powerplay
  • Polini E-P3

Darüber hinaus muss man darauf Acht geben, das richtige Tuninggerätzu kaufen, denn die diversen Motoren sprechen jeweils nur auf gewisse Gerätschaften an.

Gefahr für Leib und Leben

Die Kehrseite der Medaille sieht leider nicht so spritzig-rasant aus, wie das mit Kehrseiten eben meistens so ist. Das E-Bike-Tuning hat nämlich wesentliche Nachteile, die wir definitiv nicht unerwähnt lassen wollen und noch weniger können. Erstes Manko, auf das wir zu sprechen kommen, betrifft die Gesundheit der Fahrer.

Beim Tuning passiert ja meistens nichts anderes, als dass man das Pedelec zu einem S-Pedelec aufrüstet. Das Problem dabei ist, dass der Rest des Fahrrades auf den Antrieb abgestimmt ist. Das bedeutet, dass Rahmen, Gabel, Reifen, etc. auf eine Maximalgeschwindigkeit von 25 km/h und auf Durchschnittstempos, die dem entsprechen, ausgerichtet sind.

Wird mehr Kraft vom Motor erzeugt, wirkt diese auch auf den Rest der Komponenten und belastet sie so stark, dass sie dem nicht so gut standhalten und schneller abnutzen. Dadurch kann es schneller zu Unfällen kommen, etwa, wenn die Bremsen überlastet sind, oder die Gabel frühzeitig den Geist aufgibt.

Rechtliche Folgen

Entscheidet man sich dafür, Hand an das Fahrrad zu legen, muss man damit rechnen, dass man in die von Prüfinstitutionen abgesicherte Technik eingreift. Man modifiziert ein System, das nach dem Eingriff nicht mehr den Regeln entspricht, wodurch Gewährleistung, Versicherung und Zulassung sich verabschieden. Das kann zum Teil sogar schon bei kleineren, harmlos scheinenden Umbauten der Fall sein.

Außerdem ist es laut Straßenverkehrsordnung Pflicht, ein schnelles E-Bike zu versichern, zuzulassen bzw. anzumelden, es gilt Helmpflicht und man darf damit nicht auf dem Radweg fahren. Wird man erwischt, drohen saftige Strafen, auf die man wohl lieber verzichtet hätte.

Risiko des Tunings für den E-Bike-Markt

Interessant ist auch, was das Tuning mit dem E-Bike-Markt macht. Das Problem ist, dass man sich damit im halblegalen Bereich befindet, was nicht gerade ein gutes Licht auf die Branche wirft. Darüber hinaus wird die Politik durch diesen Missbrauch förmlich dazu angehalten, strengere Regeln zu entwerfen, etwa eine Helmpflicht für alle Fahrräder – Pedelecs, E-Bikes und S-Pedelecs. Dass das nach Hinten los geht, hat ein Fall in Australien gezeigt, wo die Fahrradquote im städtischen Straßenverkehr aufgrund der Helmpflicht um 20-40% gesunken ist.


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